Interview mit Rafael Nadal


 

Rafael Nadal berichtet Laura Stadler, wie sehr er an seiner Familie und an Mallorca hängt - und was ihm seine neueste Trophäe bedeutet

Während ich Wimbledons belebte Spielerterrasse überblicke, werden meine Blicke sofort von Rafael Nadal gefesselt, der sich entspannt mit seinem Gefolge unterhält. Selbst dann, wenn sein bulliger Bizeps in einem blauen Schlabber-T-Shirt versteckt ist und er die lange Haarpracht unter eine Baseball-Mütze zwingt, die er verkehrt herum aufsetzt, strahlt der Junge Charisma aus.

“Könntest du mir hier ein Autogramm draufschreiben?” frage ich ihn betont höflich. “Nein, er ist grade viel zu beschäftigt” antwortet sein Onkel Toni nüchtern. Ich muss in dem Moment ziemlich verwirrt aussehen, denn Rafa kann sich das Lachen nicht verkneifen. Er klopft mir sacht auf die Schulter und gibt sich alle Mühe, mir zu versichern, dass der Trainer einen Scherz gemacht hat. Jedenfalls sind alle beeindruckt, als ich ihnen berichte, dass der Ball, den Rafa im Jahr 2007 signiert hatte, bei einer Auktion zugunsten benachteiligter Kinder auf Mallorca 2,250 Euro einbrachte. “Könntest du diesmal das Datum mit draufschreiben?” fahre ich fort. Rafa hebt kurz skeptisch eine Augenbraue. “Es ist deswegen, weil du heuer Wimbledon gewinnen wirst”, wage ich eine Prognose. Wenigen Wochen zuvor hatte er mir verraten, dass es “weit mehr als die Erfüllung eines Traumes sei”, wenn Spanien 2008 Fußball-Europameister werden sollte und er Wimbledon gewinnen könnte.  “Ich spiele gut, aber ich weiß nicht, ob das reicht. Zuviel grübeln darüber will ich nicht. Ich werde alles geben, um jeden einzelnen Punkt zu gewinnen. Ich will ruhig und bescheiden bleiben und mich zwischen den Partien  entspannen”, so der “Manacorí” mit einem entwaffnenden Lächeln.

Rafael Nadal

Dieses kurze Intermezzo zeigt wieder einmal das auffallend freundliche und bescheidene Wesen des 22-Jährigen, das ihn sogar bei extrem abgehärteten Medien beliebt gemacht hat. Weil er seine Fans nicht enttäuschen will, verlässt er den Tennisplatz so gut wie nie, ohne vorher den Wunsch jedes Autogrammjägers zu erfüllen.

Im Jahr 2002 habe ich Rafa zum ersten Mal interviewt. Damals nahm er als 16-Jähriger zum ersten und letzten Mal am Wimbledon Juniorturnier teil. Die Fachwelt erhielt einen nachhaltigen Eindruck von ihm, weil er sich furchtlos bis ins Halbfinale kämpfte. Davor kannte man den Namen Nadal nur von dem berühmten spanischen Fußballstar Miguel Ángel Nadal, Rafas Onkel, der als eisenharter Abwehrspieler den Spitznamen “Bestie von Barcelona” bekam.

Der Perfektionist Nadal musste sich jedoch wegen einiger sonderbarer Macken Kritik gefallen lassen. In den frühen Jahren hatte Rafa die Angewohnheit, vor jedem Ballwechsel erstmal die Socken zurecht zu ziehen, sich am Hintern zu kratzen und danach auszuspucken. Die Presseleute nannten es das “Drei-S-Syndrom”, analog dem Englischen “socks, scratch, spit”. Außerhalb des Tennisplatzes fiel er als reizloser schlaksiger Teenager kaum auf, obwohl sein Benehmen tadellos war.

2005 konnte ich ihn kaum wiedererkennen. Ein verwandelter 18-jähriger Rafa sah wie Rambo aus und stürmte muskelbepackt über den Platz. Bezogen auf das “Drei-S-Syndrom” lernten wir: Das Gefummel mit den Socken bleibt, das Kratzen wird mehr zu einem unmerklichen Zupfen. “Ich mache das unbewusst”, entgegnet er achselzuckend. Das Spucken verschwindet ganz - statt dessen lässt er vor dem Aufschlag den Ball besonders oft auftippen. “Mindestens fünfmal”, erklärt er. “Ich tippe den Ball mehrmals auf, weil ich nicht genau weiß, wohin ich den Aufschlag platzieren werde. Während dieser kurzen Phase gehe ich alle Optionen durch. Wenn ich entschieden habe, schlage ich auf.”

Außerdem verlangt er vor dem Aufschlag immer drei neue Bälle, von denen er wiederum “die zwei flauschigsten” auswählt. Manche finden auch das Abtrocknen mit dem Handtuch nach jedem Punkt merkwürdig; ganz zu schweigen von seinen beiden Wasserflaschen, die immer perfekt symmetrisch nebeneinander stehen müssen, wobei die Aufschrift nach innen zeigt. Immer, wenn er die Seiten wechselt, trinkt er gierig daraus.

Wie dem auch sei, sein gewinnendes Image nimmt davon bestimmt keinen Schaden. Und seine Etikette auf dem Platz ist einwandfrei. “Wenn ich auf dem Platz stehe bin ich super locker. Ich sage nie etwas und lege den Schläger nicht aus der Hand. Ich halte meine Emotionen unter Kontrolle”, betont Rafa selbst. Sein reifes und diplomatisches Verhalten ist für sein junges Alter erstaunlich. Viele Experten, darunter John McEnroe, bezeichneten das Wimbledon Finale 2008 als bestes Tennismatch aller Zeiten. Darauf angesprochen entgegnet Rafa nur: “Ich bin noch jung. Die Älteren werde besser beurteilen können, ob es das beste Match war. Ich will dazu nichts sagen, weil ich es nicht weiß.”

Zum heutigen Zeitpunkt haben Rafas wildes Aggressivtennis und seine “positive Einstellung” (zwei seiner Lieblingswörter, wenn er Englisch spricht) 14,733 Millionen US-Dollar Preisgeld generiert. Darüber hinaus konnte bisher noch kein Spieler die Position zwei der ATP- Weltrangliste drei Jahre in Folge halten. Und sollte er Ende August die US Open gewinnen, könnte er seinen Rivalen Roger Federer tatsächlich als Nummer eins der ATP-Rangliste ablösen.

Wie dem auch sei - Rafa wird ein heimatverbundener Familienmensch bleiben, der glücklich ist, noch bei seinen Eltern zu wohnen. Sein Trainer-Onkel Toni sagte mir einmal, dass die Familie das Wichtigste überhaupt ist: “Mein Vater - also Rafas Großvater - wollte immer, dass wir alle eng beisammen sind. Also baute er ein Haus in Manacor für uns. Heute wohnen meine Eltern, meine Familie und die Familie meines Bruders Sebastián, zu der Rafael und seine Schwester gehören, im gleichen Haus auf unterschiedlichen Etagen.” Rafa hat kein Problem damit, zuzugeben, dass ihn auf der Tennistour Heimweh plagt. Deshalb setzt er alles daran, um sooft wie möglich nach Hause zu fliegen, sei es “nur für einen Tag”. Er lässt keine Gelegenheit aus, um Werbung für Mallorca zu machen. Auf die Frage, wie sein perfektes Wochenende aussieht, antwortet er: “Auf Mallorca sein und früh morgens um sieben Uhr aufstehen. Ich hasse es, einen Tag zu verbummeln. Morgens gehe ich am liebsten zum Angeln und am Nachmittag zum Golfspielen. Am Samstag ziehe ich abends mit Freunden los und den Sonntag verbringe ich mit der Familie.”

Beim Wimbledon-Finale 2008 war es einmal umgekehrt. Seine ganze Familie und dutzende von Freunden setzten sich ins Flugzeug, um Rafa bei der Schlacht um Englands Tennis-Krone gegen Roger Federer anzufeuern. Nur seine hübsche Freundin Xisca saß nicht auf der Tribüne. “Ich bin so glücklich, dass sie alle da sind”, sagte er vor dem Finale, “das hilft mir unwahrscheinlich, weil ich während der Tour so lange von zu Hause weg bin.”

Die Entschlossenheit, mit der er antrat, um seinem Rivalen den prestigeträchtigsten Grand-Slam-Titel zu entreißen, kann man als episch bezeichnen. Vier Stunden und 48 Minuten lang rannte und kämpfte der Mallorquiner im bisher längsten Wimbledon-Finale wie ein Berserker. Beide Champions stachelten sich unablässig gegenseitig dazu an, ihr Spielniveau in ungeahnte Höhen zu steigern.

In der “Royal Box” der Tribüne verfolgten Spaniens Thronfolger Felipe und Gattin Letizia von Asturien gebannt jeden Ballwechsel. Einmal sah ich Felipe, wie er mit seiner Digitalkamera heimlich einen Schnappschuss seines glanzvollen Landsmannes machte.

Rafas ständig wechselnde Schlagrichtung und seine sensationellen Instinkt-Winner-Schläge waren wohl spielentscheidend. Außerdem verfolgte er seine bewährte Taktik, Federer stets aus dessen Komfortzone herauszuhalten und so Fehler zu provozieren. Nach dem “größten und wichtigsten Sieg meiner Karriere” schwärmte  Rafa: “Schon als Kind habe ich davon geträumt, hier zu spielen. Aber hier auch noch zu gewinnen, ist unbeschreiblich!”

Die Hartplatzsaison in Nordamerika, die gerade läuft, ist für Rafa eine konditionelle Bewährungsprobe. Noch dazu spielt er “zwischendurch” das olympische Tennisturnier in Peking. Die gnadenlos harten Böden in den USA werden Rafas maladen Knien ganz schön zusetzen. “Ich bin Wimbledon-Sieger und das bleibt eine fantastische Erinnerung für mich. Aber in diesem Moment vergesse ich das alles. Die Saison ist nicht zu Ende und Tennis geht weiter”, so Rafa lapidar. Federer müsse zwar “im dieser Saisonphase deutlich mehr Punkte verteigen” als er, doch der Schweizer bleibt “im Prinzip auf diesem Untergrund gegen mich favorisiert”. Bei Olympia in Peking muss sich Rafa auf den Wettbewerb im Doppel konzentrieren: “So bleibe ich in Schwung und eine Medaille wäre eine riesige Genugtuung.”

“Selbstverständlich” wolle er die neue Nummer eins der Weltrangliste werden. Aber zuallererst will er sich darauf konzentrieren, das “bisherige Leistungsniveau dieser Saison zu halten”. Rafa: “Der spanische Sport konnte in diesem Jahr tolle Erfolge verzeichnen. Ich bin einfach nur glücklich, weil ich in den vergangenen Monaten das beste Tennis meines Lebens gespielt habe”. 

Fotos: Laura Stadler / J. Pons 

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