Sat 28 January 2012

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Die Mutter aller Playas

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Son Serra de Marina liegt irgendwo zwischen Café del Mar und Tarifa. Der Hotspot von Surffreaks und Natur-Individualisten gilt als letzte Stätte postmoderner Strandkultur. Nirgendwo sonst wird Beachlife so selbstverständlich zelebriert wie hier.

Es gibt sie noch. Orte, die selbst eingefleischte Mallorca-Kenner überraschen können. Son Serra de Marina ist einer davon. Kaum nirgendwo sonst gibt sich die Insel so lässig und locker, so wild und verwegen, so herrlich unprätentiös und gleichermaßen leidenschaftlich wie an dem eineinhalb Kilometer langen Küstenabschnitt am östlichen Rand der Bucht von Alcúdia. Einst von Mallorquinern zum Standort ihrer Wochenend- und Sommerhäuschen auserkoren, zieht die gänzlich glamourlose Apartmentsiedlung heutzutage eine bunte Schar von Tagesbesuchern an, die aus Individualtouristen, Hippies, Naturfreaks, Surfern, Beachboys, FKK-Fans, Hundeliebhabern und hoffnungslosen Romantikern besteht.

Zwei von ihnen heißen Nadine und Andreas. Seit einer Stunde lässt sich das befreundete Paar auf kurzen Surfbrettern und von 30 Meter über ihren Köpfen rauschenden Kite-Schirmen durchs Wasser ziehen. Jede Welle ist eine Rampe, auf der die beiden Deutschen mehrere Meter in die Höhe schießen, um nach der Landung Gischt spritzend weiter über die See zu rasen. Und sie sind nicht allein. Fast ein Dutzend bunter Drachenschirme gleiten seit dem frühen Vormittag am östlichen Rand Son Serras über den blauen Himmel. Es ist einer der beliebtesten Hotspots für die seit Jahren wachsende Kite- und Surf-Community auf Mallorca. „Der Wind bläst hier oben einfach verdammt gut. Gerade wer Wellen mag, kommt auf seine Kosten“, sagt Andreas, der ebenso wie Nadine seit sechs Jahren fast jedes Wochenende hier hoch fährt, um mit den Naturkräften ein bisschen zu schäkern.

Regelrecht süchtig nach dem Adrenalin-Kick auf dem Wasser ist der Brite Nick, den es vor sieben Jahren aus der Grafschaft Devon im Südwesten Englands an die Nordostküste Mallorcas zog. „Natürlich kann man auch bei mir daheim sehr gut Wellenreiten. Aber es macht unter der mediterranen Sonne einfach mehr Spaß“, sagt der sympathische 28-Jährige, der auf der Insel für einen britischen Yachthersteller tätig ist. Als er zum ersten Mal nach Son Serra de Marina kam, sei er sofort hin und weg gewesen. „Der Ort ist einfach cool, es gibt hier keine Hotels, kaum Touristen, alles wirkt verlassen und das macht wohl auch den Reiz aus.“

Tatsächlich scheint in Son Serra der Hund begraben zu sein. Außer im Juli und August, wenn sich einheimische und ausländische Apartmentbesitzer für ein paar Wochen hier niederlassen, wirkt der kleine Ort den Rest des Jahres ausgestorben wie eine Geisterstadt. Drei Restaurants und zwei Tante-Emma-Läden sind die einzigen Alternativen, um die Zeit nicht entweder im Wasser, am Strand oder beim Spazierengehen durch die Dünen zu verbringen.

Doch es gibt auch einen gesellschaftlichen Dreh- und Angelpunkt. Denn so wie sich die Welt um die Sonne dreht, so dreht sich das Leben in Son Serra um „El Sol“, der angesagtesten Chillout-Bar am scheinbaren Ende der Welt. Da, wo die Zivilisation aus schachbrettartigen Straßen und wie Perlen aneinander gereihten Bungalows und Apartmenthäusern abrupt aufhört und in den weitläufigen, vor Jahren zum Naturschutzgebiet erklärten Dünenstrand hinüber gleitet. „El Sol“ erinnert dabei in gewisser Weise ans „Restaurant am Ende des Universums“ aus der Freak-Trilogie „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams, in dem man mitunter jegliches Raum- und Zeitgefühl verliert – spätestens bei einem Sundowner auf der Terrasse. Und wenn sich dort am Abend dann auch n.och das Rauschen von Wind und Wellen mit sanften Chillout-Klängen vermischt, ja spätestens dann rücken das „El Sol“ und sein ibizenkisches Pendant „Café del Mar“ ganz eng zusammen

„Wir haben den Laden vor fünf Jahren erst so richtig aufgepeppt, ihm das chillige Ambiente verpasst, das ihn heute kennzeichnet“, sagt Frederico, der das „El Sol“ zusammen mit einer unkonservativen, attraktiven Truppe aus etwa 15 Kellnern und Kellnerinnen an 365 Tagen im Jahr schmeißt. „Wegen uns setzen sich Leute sogar aus Andratx ans Steuer, um hier rauf zu fahren“, sagt der gebürtige Baske mit akzentfreiem Deutsch nicht ohne Stolz. Er selbst lebte viele Jahre zuvor in Berlin, betrieb dort anfangs eine Disco, später ein Restaurant. Irgendwann strandete er auf Mallorca und entschloss sich, auf der Insel ganz zu bleiben. „Es gibt schlimmere Ecken auf der Welt“, sagt er mit seinem gewohnt schelmischen Lächeln.

Was die Leute denn seiner Meinung nach am „El Sol“ so fasziniere? „Bei uns schmeckt ihnen einfach alles: das Essen, die Musik, die Stimmung und die Aussicht.“ So einfach ist das. Auf den Tisch kommt bei Frederic jedenfalls hauptsächlich italienische Kost. Neben Pizza und Pasta wird frischer Fisch und Fleisch serviert, die Preise sind durchaus moderat, die Bedienung ist je nach Gästetyp freundlich reserviert oder charmant kumpelhaft, zuvorkommend aber stets. Jeden Sonntagabend wird im Lokal Live-Musik geboten, von Juni bis August finden samstags Live-Dj-Sessions statt. Dann darf im „El Sol“ auch gerne getanzt werden, die Party geht nicht selten bis in die frühen Morgenstunden. Besonders beliebt ist auch die samstagabendliche Pizza-Flatrate-Aktion. Für 8 Euro heißt das Motto ab 19 Uhr nämlich „All you can eat“. Es darf gegessen werden, bis der Arzt kommt.

Zu den Stammgästen im „El Sol“ gehört auch Stefan, der im zehn Kilometer entfernten Santa Margalida wohnt. Neben dem Wellenreiten, dem der Regionalleiter eines österreichischen Radreiseanbieters seit etwa vier Jahren mit Haut und Haaren verfallen ist, zieht es den Deutschen auch wegen seiner Freundin Ulrike, genannt „Uli“, nach Son Serra, die ebenso wie Frederico seit vielen Jahren im „El Sol“ arbeitet. „Wir sind hier schon so etwas wie eine kleine Familie und von diesem Ambiente lassen sich auch auswärtige Besucher gerne anstecken“, sagt Stefan, der dank Waschbrettbauch und strammer Oberarme locker auch als Model für die neue Bademode-Saison durchgehen könnte.

Dabei gehören Protzen und Zuschaustellerei genauso wenig zu Son Serra wie eine Rolex an den Arm von Amy Winehouse. Statt Porsche und Ferrari wie in Puerto Portals oder Puerto Andratx füllt sich der Parkplatz am Strand von Son Serra eher mit Kombis, Vans und Campingbussen, an den spanische, deutsche oder britische Kennzeichen kleben und in denen es fast immer reichlich Platz für Surfboards, Segel, Kites und Masten gibt. Tarifa lässt grüßen. Übrigens zählen Journalisten in Son Serra nicht gerade zu den gern gesehenen Gästen. Zu groß ist die Gefahr, dass sie einen der vielleicht letzten Geheimtipps der Insel verraten können. Deshalb eine Bitte zum Schluss: Behalten Sie diese Geschichte am besten für sich!

Bar und Restaurant „El Sol“ sind täglich von ca. 10 Uhr bis Mitternacht geöffnet. Am Wochenende sogar bis 1 Uhr morgens oder später. Son Serra liegt an der Straße nach Artà, etwa fünf Kilometer außerhalb von Can Picafort. Um zum Surfstrand zu gelangen, muss man die Hauptstraße bis fast zur Küstenlinie hinabfahren, an der vorletzten Straße rechts abbiegen und die bis zum Ende durchfahren. Der Parkplatz ist gebührenfrei.

Von Andreas John